Das große Vergessen

Oder: Wie ein Buch alte Erinnerungen hervorholte

Ich bin ein vergesslicher Mensch. Als Kind war das noch schlimmer. Hausaufgaben? Blockflötenunterricht? Wichtiger Anruf für die Eltern? Zimmer putzen? Ich wusste meist von nichts. Das war nicht böswillig, eher meiner Schludrigkeit und Zerstreuung geschuldet. Es ist mit dem Alter besser geworden. Mein Job erfordert es, dass ich Termine einhalte und andere an ihre Termine erinnere. Ich muss strukturiert, organisiert und reflektiert an meine Aufgaben herangehen – andernfalls verliere ich mich in Notizen, Blättern, Outlook-Wiedervorlagen und Ablagestapeln. Dieses Chaos möchte ich gerne umgehen, und ich darf mit Stolz sagen, dass ich es gelernt habe, meinen Alltag zu organisieren. Vergesslichkeit hat hier keinen Platz mehr!

Naja, schön wärs. Der private Teil meines Alltags wird doch noch hin und wieder von einer abgeschwächten Form der Gedächtnislücke geplagt. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“ – Stimmt schon. Das Gehirn filtert sicherlich in gut und alt bewährter Form alles, was nicht wichtig ist, um Platz für Neues zu schaffen. Und klar: Woran ich mich nicht erinnere, kann mir auch keine Bauchschmerzen, Grübeleien oder schlaflose Nächte bereiten. Aber auch gute Erinnerungen werden von Zeit zu Zeit gelöscht, und das macht mich traurig.

Vor kurzem habe ich Post von einer Freundin bekommen, mit der ich eine zeitlang in einer WG zusammengewohnt hatte. Sie schickte mir ein kleines Buch, in das wir während unserer WG-Zeit immer wieder Nachrichten für die andere notiert, kleine Ermutigungen geschrieben und über ein biblisches Buch philosophiert hatten. Der letzte Eintrag war von mir vom 14.12.2015. Sie schrieb mir zu ihrem Paket: „Mir fiel das Buch beim Schreibtisch aufräumen in die Hände, ich hab drin gelesen und wusste nicht, was ich damit machen soll. Dann fiel mir ein und auf, dass du zuletzt darin geschrieben hattest und dann war mir klar, was ich zu tun hab!“

Sie schrieb die nächsten zwei Seiten voll mit schönen Gedanken und lieben Worten. Datum: 9.8.2018. Was für ein längst vergessener Schatz! Wie wundervoll und wohltuend zu lesen, wie es damals war, wie wir uns entwickelt und verändert hatten und wie gut es uns heute beiden geht! Ich bin sehr dankbar für diese Erinnerung und gleichzeitig wirklich erschrocken über meine Vergesslichkeit. Wieso hat mein Gehirn diese tolle Erinnerung gelöscht? Ich nehme mir vor, Dingen in Zukunft mehr Bedeutung zuzumessen um sie nicht zu vergessen. Um sie zu behalten, mich mit einem Lächeln daran erinnern zu können und alte Freunde im Herzen zu bewahren. ✿

Danke an Sarah für die Erinnerung an das „Buch von Sarah & Sarah“ ♥