Die Schneekönigin

„Let it gooooo, let it gooooo …“ Bitte, gern geschehen. Der Ohrwurm für die nächste Woche. Was Disney in „Die Eiskönigin“ so schön mit einem sprechenden Schneemann, in klassischen Schmetter-Songs und einem „Akt der wahren Liebe“ verpackt, ist ursprünglich eins der grausamsten und vielschichtigsten Märchen, die bekannt sind.

„[…] Denn es war ein böser Zauberer, es war einer der allerschlimmsten, es war der leibhaftige Teufel. Eines Tages war er in der köstlichsten Laune, denn er hatte einen Spiegel vollendet, der die Eigenschaft besaß, alles Gute und Schöne, das sich darin spiegelte, fast zu nichts zusammenschrumpfen zu lassen, während das, was nichts taugte und sich schlecht ausnahm, recht deutlich hervortrat und noch schlimmer wurde. […] Die besten Menschen wurden hässlich oder standen ohne Körper auf dem Kopf.“

Allein schon der Anfang des Märchens von Hans Christian Andersen verbreitet eine böse Vorahnung. Hier geht es nicht um ein freundliches Rentier, um eine naive Schwester mit Vorlieben für den falschen Prinzen oder um Stein-Trolle. Das echte Schneekönigin-Märchen geht an die Substanz, handelt von Ver- und Entführung, von Hass, Zorn und Liebe, von Gut und Böse. Die kindlich-positive Sicht auf die Welt erfährt durch den Spiegelsplitter im Auge des Betrachters eine böse Kehrtwende. Was im Märchen mit der Entführung durch die böse Schneekönigin und der jahrelangen Auswirkung des Splitters auf das Empfinden von Gut und Böse bildhaft dargestellt wird, ist in der realen Welt die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen.

Nicht, dass hier ein falsches Bild entsteht: Ich habe nichts gegen die Verharmlosung durch Disney-Filme. Wer mich kennt, der weiß, dass ich Disney liebe und in der Freude über den süßen sprechenden Schneemann Olaf über den Kitsch und der Idealisierung der Figuren und Geschichten hinwegsehen kann. Aber der Blick auf die originale Version des Märchens zeigt, wie wenig diese Disney-Jubel-Trubel-Heiterkeit-Filme mit der Realität eines Kindes/Teenagers, gerade in der heutigen Zeit, zu tun haben. Und wie wenig bis gar keine Moral von der Geschicht‘ dadrin stecken. Und wie wichtig es eigentlich wäre zu lernen, dass allein der Verstand nicht ausreicht, um in der Welt zu bestehen und als Erwachsener eine ausgewogene Meinung zu Gut und Böse zu haben. Die Entdeckung der Wahrheit aber geschieht durch Liebe.

Ich glaube, dass man aus dem Märchen „Die Schneekönigin“ von Andersen eher einen Horrostreifen machen könnte, als einen Kinder-Disney-Film. Deswegen habe ich auch Verständnis für die harmlose Version. Und ich muss ja auch zugeben, dass ich den Titelsong gerne mitsinge. Der beinhaltet auch ein Stückchen Moral:
„I don’t care what they’re going to say.
Let the storm rage on!
The cold never bothered me anyway.“

Prinzessin

Jedes Mädchen wünscht sich einen Prinzen, der sie (auf einem stattlichen Ross) vor dem Drachen retten, sie wach küsst und ihren verlorenen Schuh findet. Einen Prinzen, der sie auf Händen trägt, ihr Balladen singt und schreibt und sie mit roten Rosen überhäuft. Und natürlich am Ende heiratet. Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Ich wollte sowas auch immer: Einen Prinzen kennen lernen, der mich dann vor irgendwas (einem Drachen?…) rettet oder meine Schuhe wiederfindet, und dann heiraten wir mit Kutsche, Blumenregen und allem Drum und Dran. Das Heiraten kann ich von meiner „Prinzessinnen-To-Do-Liste“ abhaken. Aber was ist mit dem Prinzen?

Ein Prinz hat neben den positiven Eigenschaften (stark sein, reiten können, Drachen besiegen) auch so seine Schwächen. Natürlich nicht in den Disney-Filmen, die ja völlig realitätsfern und unantastbar sind – weswegen ich Disney-Filme auch so liebe! Aber im echten Leben sind diese „Prinzen“ nicht das, was man sich als Mädchen vorgestellt hat. Sie pupsen und rülpsen, sie schnarchen und rotzen, sie sind vergesslich und hören nicht immer zu. Sie sind manchmal animalisch, wenn es ums Jagen oder Schießen geht und sie haben Triebe, die sich für eine Prinzessin nicht ziemen.

Nun muss ich hier mal klar stellen: Außerhalb meiner „Disney-Prinz-Blumenregen-Mädchen-Traum“-Welt zähle ich mich nicht (mehr) zu den Prinzessinnen. Ich erwarte von meinem „Prinzen“ nicht, dass er gegen einen Drachen kämpft, nur damit ich beeindruckt bin. Ich erwarte auch nicht, dass er reiten kann oder mich wach küsst. Ich möchte, dass er sich bei mir wohlfühlt, dass er mir von seinem stressigen Arbeitstag erzählt und dass er mich in den Arm nimmt, wenn ich traurig bin.

Wie schön ist es doch, wenn es nicht nur darum geht, dass wir Mädels erobert werden, sondern wenn wir uns zusammen mit dem „Prinzen“ eine Heimat aufbauen. Prinzessin sein bedeutet für mich Selbstaufgabe, blindes Vertrauen, Fürsorge und Freundlichkeit meinerseits. Trotzdem freue ich mich natürlich darüber, dass ich einen persönlichen Drachen-Bekämpfer zu Hause habe. ✿